Impulse September 2026

„Wir alle haben Angst, aber jeder ist mit seiner Angst allein!“ –
Über belastende Gefühle, gegenseitige Schonung und ganz viel Liebe
Fünfzehn Jahre ist es her, dass ich diesen Satz von einer Dreizehnjährigen zu hören bekam. Nicht anklagend, nicht bedauernd, sondern ganz klar: eine Feststellung. Und trotzdem hat mich dieser Satz tief berührt - so sehr, dass ich ihn nach so langer Zeit noch immer erinnere.
Die Mutter des Mädchens war – bereits zum zweiten Mal – an Krebs erkrankt. „Meine Mama, mein Papa, mein Bruder und ich: Wir alle haben Angst, aber wir reden nicht darüber. Jeder ist mit seiner Angst allein.“
So beschrieb die Dreizehnjährige die Dynamik innerhalb der Familie. Und diese Stille treffe ich oft an:
Die Erkrankten schonen die Gesunden, die Eltern die Kinder und auch die Kinder versuchen, die Eltern zu schonen; es entsteht ein Bündnis des Schweigens. In vielen Familien, in denen ein Mitglied schwer erkrankt ist, gibt es ein solches unausgesprochenes Bündnis: Alle spüren, dass etwas nicht gesagt wird, und schweigen aus Rücksicht weiter.
Doch warum wird geschwiegen statt geredet? Vermutlich, weil alle, Erwachsene wie Kinder gleichermaßen, dem anderen die eigenen Gefühle der Angst, der Hilflosigkeit und der Traurigkeit angesichts der Erkrankung nicht zumuten möchten. Vermeintlich müssen die anderen Familienmitglieder geschont werden.
Doch was heißt schonen? Der Duden schreibt, dass das Verb von dem mittelhochdeutschen Adverb „schön“ in der damaligen Bedeutung „freundlich, rücksichtsvoll“ abgeleitet ist. Ich übersetze das für mich so: „Ich blicke freundlich und rücksichtsvoll auf meine Familie. Ich möchte sie nicht mit meiner Angst belasten. Sie sollen sich keine Sorgen um mich machen. Ich möchte nicht, dass sie mich trösten müssen. Ich will Stärke und Optimismus ausstrahlen, auch wenn es dafür gerade keinen Grund gibt.“ So oder ähnlich schildern viele Menschen, mit denen ich in meiner Praxis ins Gespräch komme, den Antrieb hinter dem Schweigen.
Ich kann diese Haltung nachvollziehen – und doch ermutige ich immer wieder dazu, offen und ehrlich über die eigenen Gefühle zu reden. Entgegen der Annahme, eine offene Kommunikation würde die anderen Familienmitglieder belasten, wird sie meistens als entlastend erlebt. Endlich kann die eigene Angst in Worte gefasst werden und statt Trennung wird Gemeinschaft erlebt. Belastendes kann geteilt, Halt und Trost erfahren werden.
Astrid Lindgren schreibt in ihrem Kinderbuch „Ronja Räubertochter“: „Lange saßen sie dort und hatten es schwer, doch sie hatten es gemeinsam schwer und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.“ Besser kann man es nicht ausdrücken.
Aber manchmal scheint sie überfordernd, diese „offene Kommunikation“, dieses Mitteilen der eigenen Gefühle, Sorgen und Ängste. In solchen Momenten kann es schon helfen, behutsam miteinander zu teilen, dass das Reden gerade so schwerfällt. Und wenn auch das nicht möglich ist, verdient das Schweigen einen Blick voller Respekt und Milde. Oft steckt dahinter der Wunsch, die Menschen, die man liebt, zu schonen.




