Impulse Mai 2026

„Du bist immer so empfindlich!“ -
Über Hochsensibilität, Verletzlichkeit und Selbstwert
Kennen Sie diesen Satz auch?
Mich hat er seit meiner Kindheit begleitet. Ich wurde als „empfindlich“ bezeichnet, weil ich beim Orangeschälen keine klebrigen Finger bekommen wollte, weil ich mich für ein Urlaubsfoto nicht zu fremden Menschen in Tracht stellen wollte oder weil ich bei Kritik schnell in Tränen ausbrach. Auch später, als Erwachsene, begegnete mir dieser Satz. Und irgendwann begann ich, ihn zu glauben: Ich bin zu empfindlich!
Aber was bedeutet das eigentlich?
Es heißt zunächst nur, dass ich manches intensiver wahrnehme und manchmal anders reagiere als andere Menschen. Doch wer bestimmt, welche Reaktion „richtig“ ist? Wie viel Empfindsamkeit ist angemessen – und ab wann ist sie vermeintlich „zu viel“?
Menschen unterscheiden sich darin, wie sie Reize, Stimmungen und zwischenmenschliche Signale wahrnehmen und verarbeiten. Manche können vieles leicht an sich abprallen lassen. Andere nehmen Zwischentöne sehr genau wahr, spüren Spannungen früh und denken lange über Begegnungen und Gespräche nach. Kritik, Ablehnung und ein schroffer Ton treffen sie oft besonders tief.
Heute wird in diesem Zusammenhang häufig von Hochsensibilität gesprochen. Sie ist keine Krankheit und keine psychische Diagnose, sondern beschreibt eine ausgeprägte Empfindsamkeit und eine besonders intensive Verarbeitung von Wahrnehmungen. Nicht jeder empfindsame Mensch ist hochsensibel. Doch für viele kann dieser Begriff eine Erklärung dafür bieten, warum sie sich schon früh anders erlebt haben.
Empfindsamkeit hat zwei Seiten. Sie kann verletzlich machen. Wer viel wahrnimmt, nimmt möglicherweise auch Kränkungen, Spannungen und Unausgesprochenes besonders deutlich wahr. Er braucht manchmal länger, um belastende Erlebnisse zu verarbeiten.
Gleichzeitig kann diese Empfindsamkeit eine besondere Stärke sein. Sie ermöglicht ein feines Gespür für andere Menschen, Mitgefühl, Kreativität, Gewissenhaftigkeit und eine intensive Wahrnehmung schöner Augenblicke. Eigenschaften, die in einem Umfeld als schwierig gelten, können in einem anderen besonders wertvoll sein.
Wer jedoch immer wieder hört, er sei „zu empfindlich“, beginnt möglicherweise irgendwann, sich zu fragen: „Was stimmt nicht mit mir?“ So kann der Satz „Du bist zu empfindlich“ zu einer inneren Stimme werden, die den eigenen Selbstwert schwächt.
Ein wichtiger Schritt kann darin bestehen, den eigenen Gefühlen zu vertrauen. Je besser ich mich selbst verstehe, desto weniger abhängig werde ich davon, ob andere meine Reaktionen nachvollziehen können und wie sie diese bewerten.
Vielleicht bin ich empfindlicher als manche anderen Menschen. Aber ich bin nicht zu empfindlich. Meine Empfindsamkeit gehört zu mir. Sie macht mich verletzlich – und ist zugleich ein wertvoller Teil meiner Persönlichkeit. Entscheidend ist nicht, sie loszuwerden, sondern einen liebevollen und selbstbewussten Umgang mit ihr zu finden.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten inneren oder äußeren „Du bist immer so empfindlich!“ kurz innezuhalten und sich zu fragen:
Bin ich wirklich zu empfindlich – oder nehme ich gerade etwas wahr, das für mich von Bedeutung ist?




