Impulse Juni 2026

„Ich will mein altes Leben zurück!“ -
Über Verlust, Veränderung und die Suche nach neuer Normalität
Schon oft habe ich diesen Satz von Menschen mit einer Krebserkrankung gehört, mal verzweifelt, mal wütend, mal trotzig.
In diesem Satz schwingt eine große Sehnsucht mit: die Sehnsucht nach dem eigenen Körper, der belastbar ist, der gut funktioniert und nicht von Operationen und Therapien gezeichnet ist. Die Sehnsucht nach Leistungsfähigkeit im beruflichen Alltag. Nach Planbarkeit. Danach, wieder als Ehefrau oder Ehemann, als Mutter oder Vater, als Freundin oder Freund gesehen zu werden - und nicht vor allem als kranker Mensch. Die Sehnsucht nach einem Leben ohne die Angst als ständige Begleiterin. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
Die Diagnose verändert das Leben radikal - von einem Moment auf den anderen. Und sie wirkt sich auf nahezu alle Lebensbereiche aus: auf den Körper und die Seele, auf Beziehungen, den Alltag und die eigene Leistungsfähigkeit.
Manche Menschen erschrecken darüber, wie schnell sie sich an dieses veränderte Leben gewöhnt haben. Der Wunsch nach Heilung steht zunächst an oberster Stelle, ihm werden viele andere Empfindungen untergeordnet. Warum über den Verlust der Haare klagen, wenn er doch „nur“ als unvermeidbare Begleiterscheinung einer notwendigen Behandlung erscheint?
Doch manchmal bricht die Verzweiflung durch – und mit ihr der Wunsch, es möge bitte alles wieder so sein wie vor der Erkrankung. Diese Verzweiflung gilt es auszuhalten: für die Betroffenen selbst, für die Menschen, die ihnen nahestehen, und für diejenigen, die sie begleiten. Denn der Wunsch nach dem alten Leben ist vollkommen verständlich.
Wie unsensibel kann es sein, einen erkrankten Menschen in diesem Moment vermeintlich gut gemeint darauf hinzuweisen, wie gut er doch mit der veränderten Situation umgeht. Noch weniger hilfreich sind vorschnelle Hinwiese auf die Chance zu persönlichem Wachstum, die eine Krise angeblich eröffne. Ja, wir können Menschen dafür bewundern, wie viel sie durch- und aushalten. Vor allem aber sollten wir ihrer Sehnsucht nach dem alten Leben sehen und ernst nehmen.
Für viele wird die Erkrankung eine Zäsur in ihrem Leben bleiben. Es wird ein Leben „vor dem Krebs“ und ein Leben „nach dem Krebs“ geben. Und das neue Leben wird möglicherweise anders sein als das alte. Manchmal können sich daraus mit der Zeit auch positive Veränderungen entwickeln.
Einige Menschen beginnen, ihr bisheriges Leben zu überdenken. Will ich wirklich weiterleben wie bisher? Möchte ich in dieser Beziehung bleiben? Will ich in diesem Beruf weiterarbeiten?
Eine schwere Zeit kann Veränderung anstoßen. Ob und wann Betroffene darin auch eine Möglichkeit sehen, das eigene Leben neu zu betrachten oder zu verändern, bleibt allein ihnen überlassen.
Wenn Verzweiflung und Trauer Raum bekommen, kann zu gegebener Zeit auch wieder Gutes sichtbar werden.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten Gedanken an das alte Leben kurz innezuhalten, die Sehnsucht da sein zu lassen und behutsam darauf zu vertrauen, dass auch eine neue Normalität Schönes bereithalten kann.




