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Impulse August 2026

„Was sollen die anderen von mir denken?“
Über Scham, Verletzlichkeit und den Wunsch, sich zu verstecken


Eine Frau erzählt, wie viel Überwindung es sie kostet, seit Kurzem mit dem Rollator das Haus zu verlassen. Als demütigend empfindet sie es, nun beim Gehen auf ein Hilfsmittel angewiesen zu sein. Am liebsten würde sie sich und den Rollator verstecken. Sie möchte nicht von anderen als hilfsbedürftig angesehen werden - sie, die immer die Starke war.


Einem erfolgsgewohnten Mann fällt es sichtlich schwer, von seiner Kündigung zu erzählen. Obwohl er weiß, dass sein Arbeitsplatz aufgrund einer Umstrukturierung im Unternehmen weggefallen ist, fühlt es sich für ihn wie eine persönliche Niederlage an. Auch er fürchtet die Fragen und Blicke der anderen und möchte am liebsten allen Kontakten ausweichen. 


So unterschiedlich diese beiden Situationen sind, verbindet sie ein schmerzhaftes Gefühl: Scham - und die Angst, von Mitmenschen nun anders wahrgenommen zu werden. Nicht mehr als stark, nicht mehr als erfolgreich, vielleicht sogar als gescheitert.


Scham betrifft häufig nicht nur das, was geschehen ist, sondern die ganze Person. Aus dem Gedanken „Mir ist etwas passiert“, wird schnell das Gefühl: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Deshalb führt Scham oft dazu, dass Menschen sich verbergen, schweigen und zurückziehen. Doch weder eine Erkrankung noch eine Kündigung sind ein Beweis für Schwäche oder persönliches Versagen.

 
Hilfreicher als die gut gemeinte Aufforderung „Dafür musst du dich doch nicht schämen“ ist ein verständnisvolles Gespräch. Ein Gespräch, in dem ein Mensch nicht auf seine Einschränkung oder seinen beruflichen Status reduziert wird, sondern Mitgefühl für seine veränderte Lebenssituation erfährt.


Mindestens ebenso wichtig wie die Anteilnahme anderer ist es, mit der neuen Situation allmählich selbst Frieden zu schließen. Das benötigt Zeit. Oft brauchen der Verlust, die Kränkung oder die Veränderung zunächst Raum, um beklagt und betrauert zu werden. Erst dann kann vielleicht ein vorsichtiges Annehmen beginnen: „Ja, ich brauche jetzt einen Rollator.“ Oder: „Ja, mir wurde gekündigt.“


Akzeptanz bedeutet nicht, etwas gutzuheißen oder nicht mehr darunter zu leiden. Sie bedeutet, nicht länger gegen eine Wirklichkeit anzukämpfen, die sich im Moment nicht ändern lässt. Daraus kann nach und nach wieder Ruhe entstehen – und vielleicht auch das Gefühl, mit sich selbst mehr im Reinen zu sein.


Scham verliert an Macht, wenn wir erfahren, dass wir auch mit dem, was wir am liebsten verbergen würden, unseren Wert und unsere Würde nicht verlieren – weder vor uns selbst noch in den Augen der Menschen, die uns wirklich sehen.

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